Tradition

Gepostet am Aug 15, 2011 in Blog, Philisophical dreams, Pictured dreams | Keine Kommentare

Manchmal wünschte ich mir, in einer Stadt wie Stars Hollow zu leben.

Das ist der fiktive Wohnort der Gilmore Girls, in dem unzählbar viele, meist aberwitzige Traditionen gepflegt werden. Ständig gibt es für die Einwohner einen Grund zum Feiern. Zum Beispiel das Gurkenfest, den Tanzmarathon, die Picknick-Versteigerung und so weiter und so fort. Natürlich dürfen auch die üblichen Feste nicht fehlen, hier gibt es allerdings immer noch ein kleines Extra oben drauf, die stadtweite Ostereiersuche, der Winterkarneval oder oder oder. Die Bürger nehmen bis auf ein paar wenige Ausnahmen rege Teil an den Traditionen der Stadt und so mancher heiße Wettkampf entbrennt unter ihnen. So hat sich eine starke Gemeinde entwickelt, in der sich jeder viel Raum für lauter Eigenheiten, Merkwürdigkeiten und persönliche Noten nehmen kann. Das gipfelt in der (wöchentlichen) Stadtversammlung, auf der oft nach Herzenslust gestritten werden darf und die manche Einwohner wie einen Kinobesuch mit Popcorn aufmerksam und amüsiert verfolgen.

Ich kenne viele, denen Traditionen egal sind und denke, dass man nicht ständig irgendetwas feiern muss. Aber trotzdem finde ich die Art von Stars Hollow schön. Traditionen spiegeln die Kultur wieder. Sie haben sich meist über Jahrhunderte weiterentwickelt und gefestigt. Das Wort kommt aus dem Lateinischen “tradere” und bedeutet “übergeben”. Traditionen prägen alles, Kleidung, Verhalten, Essen und Getränke, Feierlichkeiten, Tanz, Sport und so weiter. Was wäre also eine Kultur, wenn ihre Eigenschaften nicht übergeben werden? Irgendwann sind die ganzen interessanten Unterschiede verschwunden und man kann sie nicht mehr von anderen Kulturen unterscheiden.

Einige mögen nun fragen, was daran so schlimm ist. Dann möchte ich jetzt kurz meinen Wohnort beschreiben, Hannover. Während des Studiums und auch danach habe ich die meisten Hannoveraner als eher kalte Menschen kennen gelernt, wenn ich überhaupt über ein “Hallo” hinaus gekommen bin. Die Stadt an sich ist wie ihre Einwohner. Sie hat Potential, aber macht es sich oft selbst kaputt. Hannover benimmt sich kleinbürgerlich. Aufgrund Anwohnerbeschwerden darf keine Open Air Veranstaltung nach 22 Uhr gehen. Jugendliche, die sich auf öffentlichen Plätzen treffen, werden als Säufer und Randalierer abgestempelt, nur weil sie anders aussehen, sicher auch mal ein Bier trinken, aber total friedlich sind. Um nur ein paar Beispiele zu nennen. Hannover ist das kleine bisschen Nichts, charakterlos. Das wird einem besonders klar, wenn man mal in anderen Großstädten unterwegs ist. Hier lernt man die Menschen viel leichter kennen und merkt ihnen einen starken Lokalcolorit an. Und Hannover war bis vor nicht allzu langer Zeit eine bedeutende Stadt, früher Heimat der Welfen, heute Hauptstadt von Niedersachsen. Aber es fehlt einfach etwas. Und das ist der Grund, warum Hannover nur zu meinem Wohnort und nicht zu meiner Heimat geworden sind.

Bringen wir den Sinn des Lebens ins Spiel. Es existieren viele Gründe, warum wir leben. Und ein nicht unbedeutender ist, dass Menschen fortweg etwas kreieren, weiterentwickeln und für die Nachwelt hinterlassen, man könnte fast schon Evolution dazu sagen. Auch mit Traditionen ist das so.
Gemeinsamkeit kann ein weiterer Sinn des Lebens sein. Und man kann nur eine Gemeinschaft bilden, wenn man sich von anderen unterscheidet. Deshalb gibt es regionale Unterschiede. Und was machen Touristen, wenn sie Land und Leute kennen lernen wollen? Richtig, sie nehmen teil an den örtlichen Traditionen, zum Beispiel spanische Prozessionen wie die Semana Santa, Kabuki in Japan oder Mardi Gras in den USA.

Es ist wichtig, dass Traditionen erhalten werden. Die Menschen brauchen sie.

 

Photo: “Kabuki Warrior” gefunden auf Flickr © Greg Gladman unter der Creative Commons Licence Attribution-NonCommercial 2.0 Generic (CC BY-NC 2.0)

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