Die Pluralität der Varietät

Gepostet am Okt 16, 2011 in Blog, Philisophical dreams, Pictured dreams | 5 Kommentare

“characters” © z rahen, Creative Commons Licence CC BY-NC 2.0

Warum habe ich diesen Titel gewählt? Warum habe ich den Artikel nicht einfach “Die Masse der Unterschiedlichkeiten” genannt oder “Die Vielfalt der Abwechslung”?

Weil ich es kann. Weil ich sie nämlich habe, die Qual der Wahl. Weil es so viele verschiedene Begriffe für ähnliche Bedeutungen gibt. Gleichwohl Segen als auch Leid. So ist das auch mit Interessen, Neigungen und Meinungen. Wie viele es gibt. Und wie viel einen interessiert. Das sieht man sehr schön an diesem Beispiel: maczarr – Wiki-Schau

In der Uni habe ich gelernt, dass nichts so ist, wie es ist. Es gibt für alles tausend Theorien und Wege. Und die müssen sich nicht immer ergänzen, sondern widersprechen sich meistens auch noch. Bei Arztbesuchen wird mir so was ebenfalls klar. Es gibt keine allgemein gültigen Fakten. Und wie soll man da heute als vielbeschäftigter Mensch im schnelllebigen Alltag noch den Durchblick behalten? Manchmal wünscht man sich, dass einem jemand sagt, so und so läuft’s und dass man nicht immer alles selbst im Kopf rumwälzen muss. Manchmal ist es aber auch schön, diese Vielfalt zu haben. Nur was ist das Ziel der eigenen Bestrebungen? Warum machen sich alle 6,79 Milliarden Menschen der Welt eigene Ziele? Wo führt das hin? Gute Frage!

Mir zum Beispiel wird nie langweilig, ich möchte so viel machen, können, wissen. Manchmal wünschte ich, ich hätte das lange Leben eines Elfen, gäbe es diese Rasse wirklich. Ich würde tausend Sprachen lernen, zig Dinge bis an den Ursprung verfolgen, so viele Sportarten oder Handwerkskunsten perfektionieren, wie ich mir nur vorstellen kann, ganz viele Gedichte und Lieder schreiben und und und. Aber wozu das alles? Alles nur für den Spaß? Das frag ich mich manchmal. Immer muss man irgend etwas schaffen, erreichen, verbessern. Wenn man Evolution auf die geistige Ebene übertragen würde, könnte man die unendlichen Streben der Menschen immerhin so interpretieren, dass sie sich, die Gesellschaft und auch die Welt so weiterentwickeln. Aber auch da ist mein Warum noch nicht beantwortet? Warum muss sich denn alles weiterentwickeln?

Ich frage mich immer, ob es früher besser war. Nicht das Früher, was unsere Großeltern meinen, sondern in anderen Epochen. Beispielsweise das Mittelalter. War das nun Himmel oder Hölle? Hier handelte es sich alles um Rollen und die waren anders als heute. Zum Beispiel hatten Frauen weniger Mitbestimmungsrecht, es gab Klassenunterschiede, Adelige und die Zukunft eines jeden hing vor allem davon ab, woher man kam. Klingt nach ziemlich fest geschriebenen Wegen und wenig Entfaltungsmöglichkeit. Aber vielleicht waren so auch einige glücklicher? Der Schmied zum Beispiel hat den lieben, langen Tag geschmiedet und kannte nichts anderes als seinen Amboss und seinen Hammer. Ihm stand wahrscheinlich nicht zu, sich zu entscheiden, was er lieber gemacht hätte. Vermutlich hat er die Schmiedewerkstatt von seinem Vater geerbt und schon früh bei ihm geholfen und das Handwerk gelernt. Keine Auswahl, aber ihm konnte auch niemand so leicht etwas vormachen. Er war ein Spezialist. Und wenn ihm das auch noch Spaß gemacht hat, um so besser. Wenn nicht, dann hat er durch seine Erfahrung und sein lange Jahre gehegtes Geschick wenigstens dadurch seinen Lebensunterhalt und den seiner Familie gewährleistet. Und die Frau des Schmieds? Die hat sich um das Haus und die Kinder gekümmert. Auch hier keine Frage, was sie machen soll. Die Rolle war klar festgeschrieben und wer sagt, dass sie nicht auch noch Zeit für sich hatte und sich ein bisschen Freiraum einräumen konnte? Das soll jetzt nicht so klingen, als wäre das alles toller gewesen, aber manchmal wäre es sicher leichter, wenn einige Fragezeichen fehlen würden.

Heute ist es ganz anders. Die alten Rollenverständnisse sind aufgelöst. Jeder wird in ein Haifischbecken geworfen, um seine ersten Schwimmübungen zu machen. Die Zeit heute ist geprägt durch Hektik und Vielfalt. Es gibt so viele Möglichkeiten und Tätigkeiten. Jeder hat mehrere Fähigkeiten und soll am besten alles können. Manche schaffen es, andere nicht. Ich finde es immer schade, wenn ich Menschen mit Riesenpotential sehe, die im heutigen Trubel nichts zu arbeiten finden. Und davon gibt es so viele. Arbeit ist fast schon ein Glücksspiel geworden. Und du kommst nur noch weiter, wenn du alles hast. Jung, viel Erfahrung, Zusatzqualifikationen noch und nöcher, Softskills, am besten genau das schon gemacht, was gesucht wird. Wie soll man denn alles schon mal gemacht haben, was gesucht wird? Vor allem unter 30? Warum geht man nicht danach, ob die Personen noch Entwicklungspotential zeigen? Man kann doch noch längst nicht “fertig” sein, geschweige denn in irgendwas wirklich gut. Durch diese Suche nach eierlegenden Wollmilchsäuen gibt es immer weniger Spezialisten. Man muss am besten alles ein Mal angekratzt haben, damit es im Lebenslauf stehen kann und man möglichst viele Optionen für die Zukunft hat. Denn den einen Job für’s Leben gibt es nicht mehr. Und auch im Job selbst macht man immer unterschiedlichere Aufgaben und mehr und mehr davon. Natürlich bekommt man weder mehr Zeit noch mehr Geld. Aber wehe, man schafft es nicht. Nicht, dass ich nicht gerne vor neuen Herausforderungen stehe und Routine entfliehe, aber wie soll man sich so noch auf etwas fest legen, wie soll man richtig gut in einer Sache werden?

Manchmal kommen mir die Menschen vor wie Ameisen. Sie sind Arbeiter, folgen Befehlen, sie arbeiten super im Team. Dadurch erreichen wir Großes. Aber zu welchem Zweck. Irgendwann stirbt jeder. Ein gutes Edgar Wallace Zitat: “Man ist vom Tag seiner Geburt in Lebensgefahr.” Richtig, wir wissen, dass wir sterben, nur nicht wann und wie. An uns liegt jetzt, wie wir unser Leben leben. Und genau dafür gibt es die Unterschiede. Vielleicht wollen wir einfach etwas hinterlassen, damit die nachfolgenden Generationen es besser haben als wir, oder auch eher, damit man sich an uns erinnert, ein Stück Unsterblichkeit erlangt.

Und dafür ist ja nicht nur der berufliche Part da, es gibt noch viele weitere Interessen und Beschäftigungen, die man in der Freizeit betreibt (betreiben möchte). Sei es der mittelalterliche Schmied, der Versicherungsberater von heute oder die Bundeskanzlerin. Man ist doch so viel mehr als das, was man in seinem Beruf macht. Man hat seine Charakterzüge, seine Vorlieben, seine Wünsche und Träume. Und es gibt keinen, der in allen Punkten genau das will und mag, was du willst und magst. Diese kleinen Unterschiede machen das Miteinander so interessant. Ich kann stundenlang Biographien von anderen lesen oder jemandem zuhören, wenn er Geschichten aus seinem Leben erzählt. Daraus kann man viel lernen und über die vielen Zufälle staunen.

 

Auf meine Fragen gibt es keine allgemein gültige Antwort. Jeder muss seinen eigenen Weg durch das Labyrinth des Lebens finden, durch Erfahrungen lernen und sich immer wieder revidieren. Und ich für meinen Teil versuche, mich an den vielen Unterschiedlichkeiten der Menschen zu erfreuen. Jeder hat etwas zu bieten und es lohnt sich, darauf zu achten und es zu genießen. Ich kann jedem nur empfehlen, es mir gleich zu tun. :)

 

 

Photo im Thumbnail: “characters” gefunden auf Flickr © z rahen unter der Creative Commons Licence Namensnennung-Nicht-kommerziell 2.0 US-amerikanisch (nicht portiert) (CC BY-NC 2.0)

Photo 1 im Text: “Rollrasen / Grass anyone?” gefunden auf Flickr © solar.empire unter der Creative Commons Licence Namensnennung-Nicht-kommerziell 2.0 US-amerikanisch (nicht portiert) (CC BY-NC 2.0)

Photo 2 im Text: “Maze” gefunden auf Flickr © Bousure unter der Creative Commons Licence Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 2.0 US-amerikanisch (nicht portiert) (CC BY-NC-ND 2.0)

5 Kommentare

  1. Wie wahr. ich schätze die Freiheiten, die man (heutzutage, in dieser Gesellschaft, oder so auch immer) hat. Meistens. Aber bei dem ständigen Entscheidungsszwang, der so auf uns alle drückt, wären mir manchmal ein paar mehr, nun, Starrheiten, lieber.

  2. Ja genau, die Freiheit hat zwei Gesichter ^^ Ich bin gespannt, ob zukünftige Generationen schon besser damit klar kommen.

  3. Sind wir denn wirklich frei? Ich denke wir sind sogar eingesperrter als früher. Wir haben viele Wahlmöglichkeiten, aber es wird immer erwartet die richtige Entscheidung zu treffen. Wie Du geschrieben hast, sind wir alle in dem Haifischbecken. Es wird aber nur der gerettet, der alles perfekt gemacht hat. Dabei ist das richtig schlimme, dass man nicht die eigenen Erwartungen erfüllen muss, sondern die anderer Menschen. Selten konnte man so viel falsch machen wie heute. Man hat so viel Spielraum für Entscheidungen, aber der richtige Pfad ist so verdammt schmal. Dazu kommt die Entwurzelung der Menschen, die uns das wichtige Gefühl sozialer Sicherheit nimmt. Man hat oft nicht mehr das Gefühl einen sicheren Ort zu haben, akzeptiert zu werden.
    Das alles nimmt uns die wichtigste Fähigkeit, die wir für das heutige Leben brauchen: Das Gefühl mit unseren Entscheidungen leben zu können. Wir können immer etwas ändern, aber müssen auch akzeptieren wo wir sind. Eine Reise wird einen nie ans Ziel führen, wenn man sich schon beim Start vorstellt, man wäre woanders. Welcher Job ist der richtige? Welche Ausbildung ist morgen gut? Soll ich nehmen, was mir Spaß macht oder was erfolgreich macht?
    Für jede Tür, die man öffnet, macht man unendlich viele zu. So bekommen wir in Filmen und Büchern, Werbung und Magazinen, bei Freunden und Feinden immer gezeigt, wie das Leben sein könnte. Wenn ich in der schönen neuen Wohnung eines anderen stehe, frage ich mich manchmal, was ich falsch gemacht habe. Aber dann sehe ich, wie Leute mit einer schönen Wohnung lieber in meiner Bruchbude auf dem Land wohnen würden. Ich denke, wir müssen mehr Verständnis für die Wege anderer Entwickeln, sehen welche Pfade sie gehen und verstehen, wie sie uns sehen. Aber nicht immer nur neidisch und sehnsüchtig sein. Man geht nämlich jeden Tag ein paar Schritte weiter und einen selbst fällt das oft nicht so auf wie anderen. “Man hast Du Dich verändert!”, hört man. Hab ich? Wirklich? Ja vielleicht. Aber auffallen tut einem das weniger. Aus der eigenen Sicht geht alles langsam, fast unsichtbar. Aber wenn man nicht drin steckt und von außen beobachtet geht alles viel schneller. Darum ist auch alles irgendwie eine Illusion.
    Wir können nur eines machen: Leben! Freut euch auf das, was ihr habt. Denkt an das, was ihr verloren habt. Und glaubt an Morgen.

  4. Recht hast du. Und die Formulierung mit dem schmalen Pfad finde ich super. So etwas wollte ich aussagen, aber habe nicht so passende Worte gefunden. :)

    • Dafür findest Du viele schöne andere Worte – und vor allem Bilder.

Kommentar verfassen